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Man muss bereit sein, sich zu verändern

Alexan Walid leitet die Internationale Gemeinde im Weigle-Haus

(Essen, 29.12.2020) Ob sie überhaupt belastbar sind, diese Frage wird Jobanwärtern oft und gerne gestellt. Auch dem Iraker Alexan Walid, als er sich im Sommer 2019 im evangelischen Jugendhaus Weigle-Haus in Essen für ein Anerkennungsjahr bewirbt, gegen Ende seiner vierjährigen theologischen Ausbildung an der Wuppertaler Evangelistenschule Johanneum. Ob er belastbar sei? Bei dieser Frage huscht trotz der üblichen Anspannung bei Vorstellungsgesprächen ein kleines Lächeln um seine Mundwinkel, so wird berichtet. Aber seine Antwort fällt einsilbig aus: „Ich bin in Bagdad aufgewachsen.“

Bagdad – keine weiteren Erklärungen. Aber auch keine Nachfragen seitens der Weigle-Häusler. Warum auch? Denn Bagdad steht für den blutigen Wahnsinn nicht enden wollender politischer und religiöser Auseinandersetzungen, unter der vor allem die Zivilbevölkerung im Nahen Osten seit Jahrzehnten leidet – eine Dauerbelastung, die viele zu Überlebenskünstlern macht.

Alexan Walid, geboren am 23. Januar 1990 in der irakischen Hauptstadt Bagdad, ist mitten hineingewachsen in den Krieg. Als Ältester von drei Geschwistern in einer Familie aramäischer Christen, die gerade so über die Runden kommt: „Nicht reich, nicht arm, man lebte für den Tag“, wie der mittlerweile 30-Jährige heute sagt: „Jeden Tag fielen Bomben, jeden Tag ging man raus und wusste nicht, ob man zurückkommt, aber mit Vertrauen auf Gott hat man gelebt, trotz all der Schwierigkeiten: kein Wasser, kein Strom, kein Essen manchmal, wenig Geld, gar kein Geld, man hat viel Geduld gelernt und alles spontan zu machen.“

„Einen dritten Raum betreten“

All das sind Erfahrungen, die Alexan Walid bei seiner pastoralen Arbeit im Weigle-Haus zugutekommen, gerade jetzt in Corona-Zeiten, wo Improvisation Alltag ist. Nach Ende des Anerkennungsjahres hat er hier jetzt eine volle Stelle, die überwiegend aus Spenden finanziert wird. Neben der allgemeinen Gemeindearbeit ist sein Arbeitsfeld auch der in den letzten Jahren neu entstandene internationale Teil der Gemeinde: 60 bis 80 Menschen, viele von ihnen persischsprachig aus Afghanistan und Iran, andere sind arabischsprachig aus Syrien und dem Irak wie Walid selbst, einige weitere kommen aus afrikanischen Ländern. Alles zusammen eine große Gruppe innerhalb der traditionellen WH-Gemeinde und der Jugendgemeinde mit mehreren hundert Mitgliedern. Und ein Projekt mit Vorbildcharakter, das auch der Kirchenkreis Essen mit Mitteln aus seinem Innovationsfonds fördert.

Drei Parallelgemeinden unter einem Dach? Auf keinen Fall, meint Alexan Walid. Er will keine multikulturelle Gemeinde, in der alle nur nebeneinander existieren, sondern eine transkulturelle Gemeinde, wie er mit großem Engagement erklärt: „Transkulturell zu leben heißt, die Deutschen gehen raus aus ihrem Raum, die Perser und Araber auch, die jungen Erwachsenen, die Älteren und Jugendlichen und alle anderen auch, so dass wir alle einen dritten Raum betreten, in dem wir andere prägen und geprägt werden – so entwickeln wir eine neue Identität. Wir verlieren sie nicht, sondern nehmen sie mit.“ Zu beobachten ist das etwa im internationalen Bibelgesprächskreis, der donnerstagabends im Weigle-Haus stattfindet, sonntags im Team des Gemeindecafés (in Vor-Corona-Zeiten) oder bei Liedern und Gebeten im Gottesdienst

„Man muss bereit sein, sich zu verändern“

Überhaupt ist die Musik neben der Theologie für Alexan Walid zentral und darüber hinaus auch sein Ticket nach Europa. Anders als viele andere fremdsprachige Gemeindemitglieder im Weigle-Haus ist er nicht als Flüchtling gekommen, sondern als Student. In Bagdad hatte er zunächst Chemie studiert, widmete sich gleichzeitig der Musik („dann hat man zwei Einkommen und kann der Gemeinde am besten dienen“) und wurde 2012 schließlich von seiner Musikschule an eine Privatakademie in Italien geschickt, um Operngesang zu studieren. Eigentlich ist die Klarinette sein Herzensinstrument, und er spielt Klavier, durch die Ausbildung in Italien jedoch schien es möglich, der erste professionelle Opernsänger im Irak zu werden.

Zukunftsmusik, die sich nicht erfüllte. Die Oper war nicht seine Welt und Alexan Walid kehrte auch nicht in die Heimat zurück. Der Vater mittlerweile verstorben, die Mutter lebt bei ihrer Tochter in den USA, der Bruder mit Familie im Libanon. Und so zieht der damals 22-Jährige weiter zu Verwandten nach Hannover. Dort arbeitet er zeitweilig an der Oper („so viel Rache, Krieg, Sex und Intrigen, das ist nicht die Botschaft, für die ich leben möchte“), später als „Chemie-Koch“ in der Produktion bei Henkel. Gleichzeitig engagiert er sich in der Evangelischen Allianz Arabischsprechender in Europa e.V. Es sind ganz unterschiedliche Etappen, bis Alexan Walid das verspürt, was er seine eigentliche Berufung nennt: Theologiestudium und Gemeindearbeit.

„Der christliche Glaube hat in meinem Leben schon immer eine große Rolle gespielt“, sagt er, auch schon früher in einer muslimischen Umgebung, wo er gelernt hat, das zu begründen. Aufgewachsen in einer katholisch geprägten Kirche fühlt Alexan Walid sich mittlerweile einer pietistischen Frömmigkeit nahe und geht 2016 ans Johanneum. Heute ist der junge Pastor davon überzeugt „Gottes Wege haben mich ins Weigle-Haus geführt“ und fühlt sich hier mit all seinen Qualifikationen gut aufgehoben: als Prediger und Musiker, der Menschen verschiedener Sprachen, Kulturen und Generationen mit seinen teils selbst geschriebenen Liedern verbindet, und als mehrsprachiger Brückenbauer zwischen Flüchtlingen, Gemeindemitgliedern und Hauptamtlichen - der dritte Raum. „Man muss bereit sein, sich zu verändern, im Vertrauen auf Gott über Grenzen gehen und sich nicht darum sorgen, die eigene Identität zu verlieren, dann entsteht etwas Neues“, sagt Walid. Und ist selbst ein lebendiges Beispiel dafür.

Text: Bettina von Clauswitz
Foto: Alexan Walid als junger Student in Bagdad vor 2012, privat

 

 

 

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